Holly | Stephen King
18.10.23Rezension:
Auf das neueste Buch von Stephen King war ich unheimlich gespannt. Im Vorfeld hatte ich bereits einige interessante Meinungen dazu gehört, und als ich das Buch endlich in den Händen halten konnte, habe ich sofort zu lesen angefangen. Die Ermittlerin Holly Gibney ist uns ja bereits aus einigen anderen King-Büchern (wie der Bill-Hodges-Trilogie oder Der Outsider) bekannt und ist mit der Zeit zu einem Charakter avanciert, dem ich unheimlich gerne begegne. Die Handlung spielt mitten in der Corona-Pandemie, und die titelgebende Figur hat es wahrlich nicht leicht. Mit all ihren Macken und ihrer komplizierten Vergangenheit hat sich Holly inzwischen zu einer selbstbewussten Person entwickelt. Sie hält sich penibel an die Corona-Vorschriften, trägt konsequent Maske, desinfiziert alles und vermeidet Handschläge – das komplette Gegenteil zu vielen anderen Charakteren in diesem Buch. Selbst nachdem Hollys Mutter an den Folgen von Covid-19 stirbt, reißt deren dominanter Einfluss auf Holly nicht ab.
Um sich vom Tod ihrer Mutter abzulenken, übernimmt Holly den Vermisstenfall um Bonnie Dahl, die eines Abends spurlos verschwunden ist. Die Polizei geht von einer Ausreißerin aus, da eine entsprechende Notiz gefunden wurde. Doch Bonnies Mutter glaubt nicht an diese Theorie. Während ihrer Ermittlungen, die Holly dieses Mal weitgehend allein durchführen muss – da ihre Kollegen entweder in Quarantäne sitzen oder wegen eines Buchprojekts in New York sind –, stößt sie auf das Verschwinden weiterer Personen. Am Ende stolpert sie immer wieder über ein betagtes, emeritiertes Professoren-Paar, das scheinbar mit allen Vermissten in Verbindung steht. Es kommt, wie es kommen muss: Holly begibt sich direkt in die Höhle des Löwen, und ein nervenaufreibendes Wettrennen gegen die Zeit beginnt.
Im Verlauf der abwechslungsreichen Handlung werden politische Themen rund um Donald Trump und die Pandemie extrem oft aufgegriffen – und das hat mir leider ein wenig den Lesespaß genommen. Stephen King hat sich zwar schon in früheren Werken politisch positioniert, aber dieses Mal hat er für meinen Geschmack einfach zu dick aufgetragen. Was den Spannungsaufbau hingegen gerettet hat, waren die wechselnden Perspektiven zwischen Holly, dem Professoren-Paar und der jungen Barbara Robinson. Ich habe die Sichtweise aus der Perspektive der Täter unglaublich gerne gelesen, um deren Motive besser verstehen zu können. Die Gründe für ihre Taten konnte ich zwar psychologisch nachvollziehen, aber die Taten selbst – und vor allem, wie sie an ihre makabren „Zutaten“ gelangen – haben mir immer wieder einen heftigen Schauer über den Rücken gejagt.
Gegen Ende hin fand ich die kurzen Kapitel rund um Barbara und die Dichterin Olivia zwar interessant, allerdings merkt man hier deutlich, dass King das Finale künstlich hinauszögert. Das hat dem Buch leider einiges an Dynamik genommen und an meinen Nerven gezerrt – als wäre das ohnehin recht vorhersehbare Ende nicht schon nervenaufreibend genug gewesen. Generell ist die Handlung in Holly sehr geradlinig angelegt, was ich aber nicht schlimm finde. Der gewohnt packende Schreibstil und die wunderbar ausgearbeiteten Charaktere (egal ob gut oder böse) haben mich immer wieder dazu gebracht, das Buch kaum aus der Hand legen zu können – da waren am Tag 100 Seiten und mehr im Nu weggelesen.
Fazit:
Im Großen und Ganzen ist Holly ein spannender Roman, auch wenn ich vom Altmeister des Horrors definitiv Besseres gewohnt bin. Die extrem präsenten politischen Ansichten des Autors dämpfen das Vergnügen, aber der gelungene Abstieg in tiefe menschliche Abgründe rettet das Buch. Ich wurde wunderbar unterhalten, auch wenn mir das gewisse Etwas fehlte. Am Ende bleibt ein leicht enttäuschtes Gefühl, denn ich bin mir sicher: Stephen King kann das besser!
Verlag: Heyne / Seiten: 640 / Genre: Spannung / Einband: Hardcover mit Schutzumschlag / Übersetzer: Bernhard Kleinschmidt / Preis: 28,00 Euro (D) / ISBN: 9783453274334

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