Rezension:
Der 14-jährige Joshua kann kaum glauben, in was für einer Einöde er gelandet ist, nachdem es ihn in das idyllische Rottloch verschlagen hat. Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht, Achtjährige fahren bereits ganz selbstverständlich mit dem Traktor und das ganze Dorf schreit für einen Teenager förmlich nach unendlicher Langeweile. Doch ausgerechnet hier glaubt Joshuas Mutter, die berühmte Künstlerin Pola Berlin, neue Inspiration für ihre Werke zu finden – so wie zuvor schon in Hamburg, Berlin, Neapel und etlichen anderen europäischen Metropolen.
Mit seinen 14 Jahren ist Joshua zwar schon viel herumgekommen und hat unzählige Menschen kennengelernt, doch echte Freundschaften konnte er nie schließen. Kaum war er an einem Ort richtig angekommen, hieß es auch schon wieder Kisten packen für den nächsten Umzug. Das einzig Gute an Rottloch: Hier kennt fast niemand Pola Berlin. So kann Joshua endlich von vorne beginnen, ohne ständig auf die Kunstobjekte seiner Mutter angesprochen zu werden, die ihm ohnehin ultrapeinlich sind.
So unscheinbar das Dorf auch sein mag, so unkonventionell ist Joshuas neue Schule: Geleitet von einer Direktorin Mitte zwanzig, duzen die Schüler hier das Lehrpersonal. In gemeinsamen Versammlungen werden wichtige Regeln demokratisch beschlossen. Während Kaugummikauen und Musikhören im Unterricht untersagt sind, gibt es stattdessen gemütliche Sessel im Klassenzimmer, und wer nach Schulschluss keine Lust auf das Treppenhaus hat, nimmt einfach die Rutsche aus den oberen Stockwerken.
Bereits am ersten Schultag wartet die nächste Überraschung auf Joshua: Die Klasse soll in Kleingruppen eine Woche lang im Wald übernachten und jeden Tag zu einer neuen Unterkunft wandern. Wie sollte es auch anders sein, landet Joshua ausgerechnet mit Nico in einer Gruppe. Nico trägt ständig eine seltsame Tüte mit sich herum und klopft mit Vorliebe Sprüche auf Kosten der Gefühle anderer. Gut, dass wenigstens noch Nasrin, Koray und Nina mit in die Gruppe gewählt werden. Am Tag des Ausflugs machen sich die fünf Jugendlichen auf den Weg zur ersten Station. Während dieses Wildnis-Abenteuers lernen sie sich gezwungenermaßen immer besser kennen. Doch nicht nur Nico hütet ein Geheimnis; auch Koray hat ein mysteriöses Heft dabei, das Nicos Neugier weckt. Im Wald müssen die Jugendlichen ganz ohne Handys zurechtkommen – für den Notfall gibt es nur ein einziges Gemeinschaftstelefon. Ein Glück, dass sie in der Woche zuvor im Unterricht intensiv auf das Überleben in der Natur vorbereitet wurden.
Als die Gruppe nach einem Umweg ein verlassenes Messer findet und kurz darauf im Wald auf eine Jurte samt Armbrust stößt, geht mit den Teenagern die Fantasie durch. Was für ein Mensch lebt hier abgeschnitten von der Außenwelt? Und wozu braucht er eine Waffe? Den Fünf wird schnell klar, dass sie hier schleunigst verschwinden müssen. Sie erreichen schließlich ihre erste Unterkunft und finden am darauffolgenden Tag die zweite Station an einem idyllischen See. Anders als in der Vornacht steht dieses Mal das Schlafen unter freiem Himmel an. Es kommt, wie es kommen musste: Der spitzfindige Nico hat längst bemerkt, dass Joshua ein Auge auf Nina geworfen hat. Obwohl sich die beiden erst seit wenigen Tagen kennen, flattern in Joshs Bauch bereits die sprichwörtlichen Schmetterlinge. Immer wieder fragt er sich, ob Nina wohl dasselbe fühlt. Doch jedes Mal, wenn sie in seiner Nähe ist, drehen seine Gedanken solche Kreise, dass er eine ungeschickte Antwort nach der anderen von sich gibt – Momente, für die er sich am liebsten selbst in den Hintern treten würde. Als Nico, der es wiederum auf Korays Geheimnis abgesehen hat, dessen mysteriöses Heft klaut, eskaliert die Situation. Koray dreht komplett durch, es kommt zu einer handfesten Prügelgruppe und er flüchtet mitten in der Nacht in den dunklen Wald. Als wäre das nicht schon gefährlich genug, zieht am Horizont auch noch ein heftiges Gewitter auf.
Frei – Bester Sommer von Sarah Welk bildet den Auftakt einer angekündigten Reihe. Für mich war es das erste Buch der Autorin, und ich wurde von ihrem einnehmenden Schreibstil positiv überrascht. Mit Joshua, Nico, Nasrin, Koray und Nina hat sie eine Gruppe herrlich ungleicher Jugendlicher erschaffen, bei denen die Konflikte durch die verschiedenen Persönlichkeiten vorprogrammiert sind. Trotz aller Reibereien halten die Teenager am Ende des Tages zusammen und meistern jede Hürde. Sarah Welk hat hier eine spannende und sehr einfühlsame Geschichte rund um Freundschaft, Mut, Zusammenhalt und die Liebe auf den ersten Blick geschrieben, die definitiv Lust auf mehr macht.
Auch wenn mich das Buch über die letzten Tage hinweg super unterhalten hat, blieb am Ende leider ein etwas unzufriedenes Gefühl zurück. Ich hätte gerne noch viel mehr über die Hintergründe mancher Figuren erfahren und hatte stellenweise das Gefühl, dass die Charaktertiefe nur an der Oberfläche angekratzt wurde. Auch das im Titel versprochene, tiefgehende Gefühl von absoluter Freiheit und unbeschwertem Sommer kam bei mir beim Lesen nicht so richtig an – in dieser Richtung hätte ich mir einfach mehr atmosphärische Tiefe gewünscht. Vielleicht ist dieser erste Band eher als eine Art erweiterter Prolog für die kommenden Ereignisse zu verstehen. Neugierig auf die Fortsetzung bin ich aber allemal, und ich bin gespannt, wie sich die Dynamik der Truppe im nächsten Teil weiterentwickelt!
Verlag: arsEdition / Seiten: 266 / Genre: Coming of Age / Einband: Klappenbroschur / Übersetzer: - / Preis: 15,- € (D) / ISBN: 978-3-8458-5754-1






