Rezension
June Hayward und die Star-Autorin Athena Liu feiern gemeinsam die Vertragsunterzeichnung zwischen Athena und dem Streaming-Giganten Netflix. Die beiden Frauen sind eigentlich gut befreundet, doch während Athena einen Erfolg nach dem anderen feiert, schafft es June einfach nicht aus dem Schatten ihrer Freundin heraus. Niemand scheint sich für die Geschichten einer vermeintlich stinknormalen, weißen amerikanischen Autorin zu interessieren. Athena dagegen, eine chinesisch-amerikanische Autorin, feierte gleich mit ihrem Debüt einen unglaublichen Erfolg und avancierte im Nu zum gefeierten Star der Branche.
Junes Beschreibungen ihrer Freundin lassen jedoch kein gutes Haar an Athena: Sie nimmt ihren Erfolg als gottgegeben hin, zeigt kaum echtes Interesse an ihren Mitmenschen oder Kollegen und scheint völlig von sich selbst eingenommen zu sein – kurzum: kein sonderlich sympathischer Zeitgenosse. Als Athena kurz darauf bei einem bizarren Unfall in ihrer Wohnung stirbt und June Augenzeugin des Vorfalls wird, reagiert diese im Affekt. Sie schnappt sich Athenas soeben fertiggestelltes, unveröffentlichtes Manuskript mit dem Titel Die letzte Front – eine tiefgründige Geschichte über ein chinesisches Arbeiterkorps zu Zeiten des Ersten Weltkriegs. Junes verstorbene Freundin pflegte einen fast schon romantisch-altmodischen Schreibprozess; sie hielt ihre Ideen klassisch mit Stift und Papier fest und tippte ihre Manuskripte auf einer Remington-Schreibmaschine. June nimmt sich des fragmentarischen Textes an, überarbeitet ihn stark und veröffentlicht das Werk schließlich unter dem Pseudonym „Juniper Song“ – ein Name mit bewusst asiatischem Klang. Die Literaturagenten und Verleger sind euphorisch, denn Junes eigenes Debüt war zuvor ein kolossaler Flop und stand in keinerlei Konkurrenz zu Athenas Meisterwerken.
Mit dem geklauten Buch schießt June an die Spitze der Bestsellerlisten, verdient Hunderttausende Dollar und gibt ihre Lehrtätigkeit für kreatives Schreiben auf. Sie hält Lesungen vor ausverkauftem Publikum und ist im ganzen Land gefragt – besonders bei der asiatisch-amerikanischen Bevölkerung. Doch das Kartenhaus wackelt schnell, als klar wird, dass June keine gebürtige Asiatin ist. Wo Ruhm ist, sind Neider nicht weit, und in Zeiten von Social Media lauern digitale Trolle an jeder Ecke. Im Netz werden schnell laute Stimmen laut, die die Originalität des Buches anzweifeln und June des Plagiats bezichtigen. Zudem entbrennt eine heftige Debatte über kulturelle Aneignung: Darf eine weiße Person überhaupt über die Traumata asiatischer Geschichte schreiben?
June verstrickt sich immer tiefer in ein Netz aus Lügen, bis sie diese irgendwann selbst glaubt. Die psychische Last wird so erdrückend, dass sie in ihrer Paranoia beginnt, den Geist der toten Athena zu halluzinieren. Während ihr Verlag zu zweifeln beginnt und ihre neu gewonnenen Freunde sich abwenden, gerät die Situation völlig außer Kontrolle. Doch obwohl sich ihre Feinde bereits in Sicherheit wiegen, hat June ihren Kampf noch lange nicht aufgegeben – sie weiß, dass es für sie kein Zurück mehr gibt.
Nachdem ich letztes Jahr von Babel aus der Feder derselben Autorin absolut begeistert war, war für mich klar, dass ich auch Yellowface unbedingt lesen muss. Das Buch ist ein satirischer, spitzzüngiger Roman über die extremen Sonnen- und Schattenseiten der modernen Verlagswelt, über Ruhm, Reichtum, Missgunst und Hass. Rebecca F. Kuang demonstriert hier die unbarmherzige Dynamik von Online-Shitstorms und deren Konsequenzen im realen Leben. Was darf man heutzutage noch sagen, schreiben oder aufführen? Wo fängt kulturelle Aneignung an und wo hört sie auf? Kann man es als Kulturschaffender überhaupt noch jeder digital organisierten Minderheit recht machen?
Der Schreibstil unterscheidet sich dabei drastisch von Babel. Wo dort fast schon poetisch und historisch mit der Sprache umgegangen wurde, ist Yellowface in einem sehr modernen, unserer heutigen Alltagssprache entsprechenden Stil verfasst. Das hat mich überhaupt nicht gestört, da es perfekt zur Social-Media-Thematik passt. Womit ich mich beim Lesen allerdings sichtlich schwergetan habe, war die Nutzung einer extrem präsenten genderneutralen Sprache in der deutschen Übersetzung. Es gab Absätze im Buch, in denen ich aus dem Stolpern über die künstlichen Worttrennungen mit Doppelpunkt (wie „Autor:innen“) kaum noch herauskam. Für mehrere Momente wurde ich dadurch komplett aus dem Lesefluss und der eigentlichen Geschichte gerissen, was ich unheimlich schade fand.
Ich weiß nicht, ob der Verlag sich hier schlicht ausprobieren wollte, um das Buch einer ohnehin sensibilisierten Zielgruppe schmackhaft zu machen, oder ob die Gendersprache als bewusstes Stilelement genutzt wurde, um dem im Buch behandelten Thema „Wokeness“ eine weitere, meta-kritische Ebene zu verpassen. Wie dem auch sei: Ich habe das Buch nach dem gefühlt hundertsten Doppelpunkt-Wort frustriert für einige Zeit zur Seite gelegt und war kurz davor, es ganz abzubrechen. Das wäre der genialen Geschichte gegenüber aber unfair gewesen. Also habe ich mich schließlich gezwungen, die neutralen Bezeichnungen mental einfach zu überlesen. Zum Glück – denn diese Geschichte verdient es definitiv, gelesen zu werden.
Fazit:
Rebecca F. Kuang hat mit Yellowface ein absolut mitreißendes Buch geschrieben, das den Leser – sofern man sich mit den Eigenheiten der deutschen Übersetzung arrangieren kann – erst auf der allerletzten Seite wieder loslässt. Ein hochaktueller, satirischer Roman, der stellenweise das Tempo und die Spannung eines handfesten Psychothrillers annimmt. Eine Geschichte über Hass, Neid, Diskriminierung und Identitätspolitik, die man definitiv gelesen haben sollte und die noch lange im Kopf nachhallt!
Verlag: Eichborn / Seiten: 383 / Genre: Spannung / Einband: Hardcover / Übersetzer: Jasmin Humburg / Preis: 24,00 Euro (D) / ISBN: 978-3-8479-0162-4
