»Restsommer« von Kea von Garnier
5.6.26Rezension:
Kennt ihr diese Bücher, die man zuklappt, nur um direkt danach eine tiefe, bittersüße Sehnsucht zu spüren? Genau so ging es mir mit Restsommer. Kea von Garnier hat mich mit ihrer Geschichte auf eine Zeitreise und emotionale Achterbahnfahrt geschickt, von der ich gar nicht wusste, wie dringend ich sie gebraucht habe.
Es gibt Geschichten, die liest man, und es gibt Geschichten, die fühlt man. Restsommer gehört definitiv zu Letzteren. Schon nach den ersten Kapiteln passierte etwas Magisches: Die Atmosphäre im Buch hat mich schnurstracks in meine eigenen Sommerferien der Schulzeit zurückkatapultiert.
Ich konnte förmlich das Gras riechen, die Hitze auf dem Asphalt spüren und dieses ganz eigene Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit nachempfinden, das es so wohl nur in den großen Ferien gibt. Kea von Garnier fängt diesen Mikrokosmos perfekt ein. Restsommer ist ein Buch, das nach Sonnencreme, Freibadpommes und den ersten großen, komplizierten Gefühlen schmeckt.
Das größte Highlight waren für mich aber die Charaktere. Dominik ist der Sohn des örtlichen Bestatters. Seine Eltern haben sich getrennt; er lebt bei seinem Vater und hilft ihm im Bestattungsinstitut aus. Dominiks Vater geht fest davon aus, dass sein Sohn das Unternehmen eines Tages übernehmen wird. Doch Dominik selbst weiß nicht, was er will. Auch wenn er routiniert im Umgang mit den Toten und den Trauernden ist, zweifelt er, ob das die Zukunft ist, die er sich für sich vorstellt.
Als eines Tages, kurz vor den Sommerferien, ein neuer Schüler namens Biff in seine Klasse kommt, öffnet sich für Dominik eine völlig andere Welt. Seine Routine, die sich sonst zwischen Schule, Bandproben und den Toten im Keller seines Vaters abspielte, steht plötzlich auf Kopf. Biff ist unangepasst, macht, wonach ihm der Sinn steht, und diese Freiheit fasziniert Dominik. Die beiden kommen sich näher und Dominik erhält Einblicke in Biffs dysfunktionale Familie.
Mit der Zeit wachsen einem die Figuren dieses Buches so sehr ans Herz, dass man glaubt, sie direkt vor sich stehen zu haben. Die Gruppendynamik, die leisen Zwischentöne, die kleinen Macken und die großen Träume: Alles wirkte so authentisch, dass ich jede Freude und jeden Schmerz eins zu eins mitgefühlt habe.
Und dann kam das Ende. Ohne zu spoilern: Macht euch auf eine emotionale Achterbahnfahrt gefasst. Als die letzte Seite umgeblättert war, saß ich erst mal da und musste tief durchatmen (ein paar Wochen waren es dann schon, die ich gebraucht habe, diese Geschichte zu verarbeiten). Es war unheimlich bewegend. Ich wollte die Figuren nicht in diesem verletzlichen Moment zurücklassen, sondern sie unbedingt noch ein Stück weiter auf ihrem Lebensweg begleiten, um zu sehen, was die Zukunft für sie bereithält. Dieses Abschiednehmen ist mir verdammt schwergefallen.
Restsommer ist kein Buch für zwischendurch, es ist eine Umarmung in Buchform und eine wunderschöne Liebeserklärung an das Erwachsenwerden, die erste große Liebe und die Frage: Was erwarte ich vom Leben? Eine absolute Leseempfehlung für alle, die sich nach einer emotionalen, atmosphärischen Geschichte sehnen, die noch lange nachklingt.
Verlag: Blessing / Seiten: 400 / Genre: Gegenwartsliteratur, Coming-of-Age / Einband: Hardcover / Übersetzer: - / Preis: 24,- Euro (D) / ISBN:978-3-89667-785-3


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